Mein Leben - oder wie sich das nennt












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Freunde


Die Sonne neigte sich und tauchte den Himmel in blutrot. Er stand auf einer Anhöhe. Der Wind strich leise durchs Gras - kühler Wind. Sein Gemüt war noch hitzig und aufgewühlt. Seine Knie wurden langsam weich und waren nicht mehr willig zu tragen. Seine Kleider waren schmutzig und zerrissen. Am rechten Arm klaffte eine tiefe Fleischwunde, die er notdürftig mit einem Fetzen Stoff umwickelt hatte. Sein Degen steckte vor ihm im Boden und summte im Wind. Seine Augen blickten glasig und leer, von Ungläubigkeit und Verzweiflung gezeichnet. Sein Blick fiel auf das sanfte Tal unter ihm. Sein Atem bestand aus kurzen Luftstößen, die von innerer Aufgewühltheit zeugten. Was sich ihm zu sehen bot, war ein Schlachtfeld, wie er es in all den Jahren noch nie gesehen hatte. Rauchwolken stiegen von dort auf und wurden von der Sonne einen letzten Moment beschienen. Im Tal konnte man Gestalten beobachten, die sich schwerfällig dahinschleppten. Das Geschrei verwundeter und verkrüppelter Männer stieß an sein Ohr. Viele der Gestalten irrten ziellos umher, hoffungslos auf der Suche nach ihren eigenen Gliedmaßen, die ihnen in der Schlacht abhanden gekommen war. Der Geruch des Todes lag über dem Tal. Die Männer, die sich bei ihm auf der Anhöhe sammelten, waren von bloßer Verzweiflung gezeichnet. Ob dies nun ein Sieg oder eine Niederlage war, erschien diesen Männern völlig gleich angesichts der vielen Toten und des Leidens, das sich ihnen bot.
Er sah sich um. Einige der Männer erkannte er. Einfache Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere – alle waren sie nun gleich. Der Schrecken hatte die Rangunterschiede verwischt. Seine Augen schweiften umher und er begann zu rufen. Er rief den Namen seines besten Freundes – seines einzigen Freundes. Er hatte ihn vor mehreren Stunden das letzte Mal bei der Erstürmung der nördlichen Anhöhe gesehen. Seitdem waren ihm nur versprengte Teile des Regiments seines Freundes begegnet. Ein mulmiges Gefühl stieg ihn ihm hoch. Was war, wenn sein Freund nicht mehr am Leben war? Was war, wenn er gefallen war? Wie sollte er diesen Verlust ertragen? Eine Leere breitete sich ihn ihm aus und alles was blieb, war ein großer Knoten in der Magengegend.
Er fing an zu stolpern, zu laufen, die Anhöhe hinab. Er rief mit aller Kraft seiner Stimme. Sie klang gebrochen und von wahnsinniger Angst durchdrungen. Immer wieder sah er Männer, in denen er schon das Gesicht des Freundes sah, bis sie sich wie von Geisterhand in jemand anderen verwandelten. Er humpelte und fand sich schließlich inmitten des Schlachtfeldes wider. Überall um ihn herum lagen Männer, erschlagen, erstochen, erschossen. In einigen steckte noch ein Hauch von Leben. Viele waren verstümmelt und wieder andere bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ob Freund oder Feind spielte nun keine Rolle mehr. In ihrem Schicksal waren viele der erbittertsten Gegner vereint. Zum Glück fiel kaum noch Licht in das Tal, denn sonst hätte er auch noch die schmerzentstellten Gesichter gesehen. Er lief weiter und weiter. Nun war auch er zu einem Herumirrenden geworden. Bewusst oder auch nicht zog es ihn die nördliche Anhöhe hinauf, wo er seinen Freund zuletzt gesehen hatte. Beim Aufstieg stolperte er immer wieder über tote Körper. Er sah zu seiner linken die Reste des Husarenregiments. Einer lag mit ausgestreckten Armen unter seinem Pferd begraben. Pferd und Reiter hatten sich gemeinsam aus dieser Welt verabschiedet. Er dachte leise bei sich, dass dies kein Platz zum Verweilen sei. Langsam beruhigte er sich bei seinem Aufstieg wieder. Denn auch wenn er immer mehr Tod und Verderben sah, so war sein Freund doch nicht unter den Toten. Er hatte beinahe schon die Anhöhe erreicht und die Reste des Sonnenlichts fielen auf den blutgetränkten Boden.
Da sah er etwa fünfzehn Meter vor ihm einen Reiter, der weinend über sein totes Pferd gesenkt war. Ein gar fürchterliches Schluchzen klang aus der Richtung. Der Reiter hatte neben sich seinen Degen in den Boden gerammt. Seinen Mantel hatte er über das Pferd geworfen und er kniete in seinem zerissenen Hemd daneben. Dieser Reiter kam ihm bekannt vor und es mag ein Hirngespinst gewesen sein, aber er meinte aus dem Schluchzen dieses Reiters die Stimme seines Freundes erkennen zu können. Er begann zu rennen, so gut er noch konnte. Als er schon beinahe vor dem Reiter stand, drehte dieser sich herum und sah ihm in die Augen. Es waren diese geliebten braunen Augen und die scharfen Gesichtszüge, die er so gut kannte. Der Reiter sprang auf. Beide standen sich gegenüber. Dieser Moment war der längste im Leben der beiden. Es war der Moment ihres Lebens. Sie standen still und ungerührt. Keiner sagte etwas und nur der Wind strich um sie herum. Mit glasigen und feuchten Augen starrten sie sich an. Dann brach ein Sturm los. In die Augen beider schossen heiße Tränen, sie fielen sich gegenseitig in die Arme und weinten, wie sie wohl noch nie geweint hatten. Dieser Moment gehörte nur ihnen, alles um sie herum war still. Sogar der Wind verhielt sich leise. Sie lagen sich in den Armen und sagten nichts. Beide waren voller Freude sich noch lebend wieder zu sehen. Beide hatten schon beinahe die Hoffnung aufgegeben. Sie beide waren jetzt und hier, in diesem Moment, die glücklichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Inmitten all des Schmerzes erhob sich von diesem Schlachtfeld das Glück zweier Menschen, die sich wiedergefunden hatten. Denen eine weitere Erfahrung eines schmerzhaften Verlustes erspart geblieben war. Zwei Menschen, die sich liebten.

Dezember 2004


Sommernacht


Es war wohl schon Abend als der Jüngling so dastand. Eine laue Sommerbriese strich erfrischend über sein Gesicht, seine Augen waren klar und traurig. Sie blickten gen Westen in Richtung Sonnenuntergang. Das goldene Licht überflutete den Himmel und begann sich rot zu färben.
Er stand da, gelehnt auf die alten Brüstungen aus Stein, die schon seit Jahrhunderten der Witterung ausgesetzt waren und schon viele wie ihn kommen und gehen sahen. Er selbst fragte sich ob hinter dem Horizont das sei, wonach er suchte.
Der Himmel war klar und es versprach eine schöne Sommernacht zu werden, doch, so fragte er sich, was hätte er von einer solch wunderbaren Sommernacht. Viel zu oft schon hatte er solche Nächte erlebt, in denen er alleine war und sich fragte warum. Oft hörte er dann die Stimmen von Verliebten, die sich unter den Wipfeln der alten Kastanien vergnügten. Oder hier und da Gruppen von lachenden Menschen, die sorglos die Nacht genossen. Ihm war das Herz zu schwer um ein Lächeln über seine Lippen zu quälen und sich für sie zu freuen.
Wenn es dunkel wurde, brannten überall Feuer und Menschen saßen darum herum und freuten sich des Lebens. Nur er stand da, alleine, unter dem weiten Sternenhimmel, er hob sich zu später Stunde kaum noch von der Umgebung ab.
Und so stand er auch heute wieder da und schaute der Sonne zu, wie sie ihren Weg hinter die fernen Berge im Westen suchte. Zu solcher Stunde lag ihm das Land golden zu Füßen und der Fluß glänzte silbern, wie er sich aus den Bergen heraus in die Ebene schlängelte und sich irgendwo zwischen Schatten und Licht verlor. Dort und noch viel weiter sehnte er sich hin, immer mit der Hoffnung dort sie zu finden, die auf die er hoffte und nach der er sich sehnte.
Oft hätte man ihn beobachten können und dabei sehen können wie seine Seele einen Flug durch das langsam dunkler werdende Tal machte, immer spähend nach ihr.
Er wußte nie wie sie heißt, nie wo sie ist noch sonst irgend etwas, nur ihr Gesicht sah er jedes Mal, wenn er die Augen schloß. Das alleine überzeugte ihn, dass es sie gibt und vielleicht war das der einzige Grund warum er noch da war. Seine Gedanken waren ständig bei ihr und andere sahen ihn oft gedankenerfüllt durch den Schloßgarten wandeln, vielleicht hoffte er auch hier auf sie zu treffen, doch nicht zuletzt schien es auch der Sonnenuntergang zu sein, der ihn immer wieder an seinen Lieblingsplatz am Ende des Plateaus zog. Wer ihm zuschaute, musste zwingend das Gefühl bekommen er sei gar nicht da und nur eine Gaukelei des Verstands, unbeweglich und mit sehnsüchtigem Blick, eine traurige Figur, die in jedem von uns lebt und manchmal stärker, manchmal schwächer ist.

Frühling 2002


Frühlingsmorgen


Was für ein Tag, er ist noch jung und die Sonne zeigt sich noch etwas unwillig, doch eigentlich will sie ja. Sie will doch gesehen werden und wenn sie nicht der Schleier aus Wolken verhängt, erwärmt sie mich und meine Seele. All die Probleme sind jetzt nichtig und ich bin zum ersten Mal wieder glücklich dieses Jahr.
Der Wind, der weht, ist noch kalt und lässt sich nur schwer erwärmen. Doch er steht ab und zu still, vielleicht lauscht er und hört, so wie ich, den Sommer kommen. Die Menschen werden wieder lebhafter und scheinen freundlicher und gelassener.
Ich sehe das goldene Spiegeln der Sonnenstrahlen auf dem Neckar. Dieses Glitzern ist etwas worauf ich ewig blicken könnte. Es sieht so friedlich aus und ist doch nicht langweilig. Es erfreut mich.
Die Vögel kreischen, fliegen herum und suchen nach Essen. Es ist wirklich friedlich hier und alles verliert an Bedeutung beim Anblick dieser Szenerie. Die garstige Welt bleibt draußen, sie weiß, dass sie hier nichts verloren hat und bleibt am anderen Ufer. Zu dieser Zeit ist es hier noch recht einsam, bis auf die Menschen, die auf der Wiese joggen und ältere Frauen, die mit ihren Hunden spazieren gehen, ist recht wenig los. Das Schloss liegt regungslos am Berg, es schläft wohl noch und bemerkt nicht das gleißende Licht, das ins Neckartal fällt.
Darunter liegt die Altstadt mindestens genauso friedlich.
Das einzige, was sich ständig bewegt, sind die Autos auf der Brücke, am Ufer und in der Stadt. Sie erzeugen einen ständigen Lärm und stören die Ruhe, meine Ruhe, ich bin der einzige, der es an diesem Morgen wagt stillzustehen und innezuhalten. Es ist so wunderschön und lässt der Phantasie unglaubliche Freiheit. Auch die alte Trauerweide vor mir denkt so, ich hab’ sie nicht gefragt, aber ich sehe es an ihrem Ausdruck.
Den meisten Menschen scheint es gar nicht aufzufallen, dass sich hier ihre Seele etwas erholen kann, von den ganzen Nervereien des Alltags. Manche Menschen wissen auch gar nicht was sie suchen und werden es deshalb auch nicht finden, denke ich, als so ein Cooler mit lauter Musik auf den Ohren an mir vorbeiläuft. Vielleicht ist es aber auch nur sein eigener Weg, beeile ich mich zu denken.
Kurz nach Zehn und die Welt ist friedlich, zumindest hier.
Eigentlich, so meine ich, sei das doch der richtige Ort um Klarheit zu finden, dabei beflügelt er die Phantasie umso mehr.
Doch ich weiß, dass irgendetwas fehlt, aber der Tag ist zu schön um sich jetzt mit dieser leidigen Scheiße zu beschäftigen

Frühling 2002






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